Lebensverändernde Geschichten: Abd al Mowla

Mein Name ist Abd al Mowla. Ich wurde 1996 in Idlib, Syrien, geboren. Es gab eine Zeit, noch gar nicht so lange her, in der ich davon träumte, Maschinenbauingenieur zu werden. Ich liebe es zu zeichnen. Ich wollte Maschinen zeichnen, ich wollte verstehen, wie alles funktioniert. Ich wollte neue Dinge erschaffen. Doch ein Tag im September 2012 veränderte mein Leben für immer. Ich war 16 Jahre alt.

An diesem Septembertag waren meine Eltern, meine Schwester, meine zwei Brüder und ich mit unserem Pickup von Damaskus nach Idlib unterwegs. Mein Bruder Ahmad saß am Steuer. In der Nähe von Homs gerieten wir in einen Hinterhalt. Man eröffnete das Feuer auf uns und zwei weitere Fahrzeuge. Ahmad trat aufs Gaspedal, während die Maschinengewehre einen Sturm aus Kugeln über die Straße prasseln ließen. Das Auto vor uns entkam unversehrt. Unser Auto und das Fahrzeug hinter uns waren nicht schnell genug. Mein Bruder und ich wurden von den Kugeln getroffen.

Vier Monate später ging ich zum National Syrian Centre for Prosthetic Limbs (NSCPL) in Reyhanli, um meine erste Prothese zu erhalten. Das war zugleich eine aufregende und eine belastende Erfahrung. Ich freute mich, dort zu sein, und darüber, dass ich die Chance bekam, wieder gehen zu können. Gleichzeitig berührte es mich tief, so viele andere Menschen zu sehen, die mit ihrer Behinderung zu kämpfen hatten. Da fasste ich den Entschluss, etwas dagegen zu tun. Ich wollte diesen Menschen helfen, weil ich genau wusste, wie sie sich fühlten.

Meine ersten Erfahrungen mit der Prothese begannen, und mein Interesse an der Prothetik und an der Funktionsweise der Prothese als Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung wuchs. Ich wurde immer entschlossener, anderen Nutzerinnen und Nutzern dasselbe Verständnis zu vermitteln. So begann ich, im NSCPL-Zentrum zu arbeiten, und machte mich im Internet auf die Suche nach Informationsmaterialien für Amputierte.

Ich sammelte alle Videomaterialien, die ich finden konnte, eröffnete eine Facebook-Seite, auf der ich die Videos veröffentlichte und mich mit anderen Betroffenen sowie interessierten Gruppen vernetzte. Bald begann ich, eigene Anleitungsvideos für Prothesennutzerinnen und -nutzer zu erstellen und sie auf meiner Seite zu teilen. Mir wurde klar, dass ich moderne Technologien nutzen konnte, um anderen Menschen mit Behinderungen zu helfen. Schritt für Schritt engagierte ich mich immer stärker in der Arbeit mit Patientinnen und Patienten und begann, eine Ausbildung zum Orthopädietechniker/Prothetiker zu machen. Meine Zukunftspläne wurden mir zunehmend klarer. Ich hatte einen neuen Traum, dem ich folgen wollte.

Später schrieb ich mich in ein Ausbildungsprogramm ein, das an der Universität Ankara angeboten wird. Dank des Online-Unterrichts konnte ich gleichzeitig weiterhin mit meinen Patientinnen und Patienten arbeiten und mich beruflich weiterentwickeln – nur zu den Workshops, die einmal pro Modul stattfinden, musste ich anwesend sein.

Heute studiere ich weiterhin in diesem Programm und arbeite 9 Stunden täglich, 5 Tage die Woche. Meistens betreue ich 2 bis 3 Patientinnen und Patienten am Tag. Ich liebe meinen Beruf, weil er mir ermöglicht, mit Menschen mit Behinderungen zu arbeiten – mit Menschen wie mir selbst. Es ist herausfordernd, gleichzeitig zu studieren und zu arbeiten. Als Amputierter wird diese Herausforderung noch größer, da ich mich tagtäglich mit zusätzlichen Schwierigkeiten auseinandersetzen muss. Doch ich weiß, dass sich diese harte Arbeit sowohl für meine persönliche als auch für meine berufliche Entwicklung auszahlen wird, und ich setze meine ganze Energie dafür ein.

Seit einiger Zeit allerdings gibt es Dinge, die ich trotz all meiner Bemühungen nicht überwinden kann und die mich ausbremsen. Erneut musste ich mich einer Operation an meinem Bein unterziehen, da sich Infektionen entwickelt hatten. Das war eine Belastung, die mich für eine Weile ohne meine Prothese zurückließ. Auf einem Bein zu arbeiten war sehr anstrengend – aber ich werde nicht aufgeben.