Hallo, ich bin Nico, einer der Dozenten bei Human Study. Ich lebe in Spanien und bin halb Deutscher, halb Spanier. Ich bin Ausbilder im Bereich der Orthopädietechnik mit einem Bachelorabschluss in Orthopädietechnik (vgl. Meister), sowie einem Master in Pädagogik und E-Learning.
Ich arbeite seit 2015 in Human Study. Meine erste Studierende waren syrische Geflüchtete, die im Süden der Türkei arbeiteten. Es war sehr interessant, mit Menschen aus ganz anderer Lebenswelt zusammenzuarbeiten.
Unser Online-Unterricht lief wie gewohnt weiter, aber bei den Präsenzveranstaltungen sind wir zunächst eine Partnerschaft mit der Universität Ankara in der Türkei eingegangen und haben von dort aus unsere ersten Workshops durchgeführt. Jedes Modul hat einen thematischen Schwerpunkt. Die Theorie vermitteln wir online, danach folgt ein Präsenz-Workshop mit praktischen Übungen und am Ende eine Abschlussprüfung.
Dann verlegten wir die praktische Arbeit nach Reyhanli, ganz in der Nähe der syrischen Grenze. Vom Workshop aus konnten wir die Grenze sehen, und die Wohnungen der Studierenden waren ganz in der Nähe. Die syrischen Studierenden, die in Syrien lebten, schlichen nachts über die Grenze, um an den Kursen teilzunehmen! Im letzten Jahr war das aber nicht mehr für alle möglich, deshalb fanden die Kurse in der Türkei statt, und diejenigen, die nicht dorthin gelangen konnten, wurden von Luai in Syrien unterrichtet.
Es war großartig, die Entwicklung der Studierenden im Laufe der Zeit zu beobachten. Luai zum Beispiel hat sehr an Selbstvertrauen gewonnen, ebenso Fatima – alle haben das. Man kann das richtig gut sehen.
Fatima war Physiklehrerin. Sie kam zu dem Workshop, weil sie etwas für ihre Gemeinschaft tun wollte. Wie sie den Berufswechsel gemeistert und sich darin zurechtgefunden hat, war wirklich beeindruckend.
Der Krieg war für unsere Studierenden natürlich eine große Herausforderung. Sie machten sich ständig Sorgen um das, was zu Hause geschah. Wir als Dozent*innen-Team haben wirklich bemerkt, dass unser Kursprogramm Struktur und Routine in ihr Leben brachte, was die Studierenden sehr begrüßten. Anfangs waren wir uns unsicher, ob wir feste Abgabetermine setzen sollten, angesichts dessen, was sie alles durchmachten. Doch als wir das mit den Studierenden besprachen, machten sie deutlich, dass sie genau diese Fristen wollten. Die Struktur gab ihnen ein Gefühl von Normalität und das Gefühl, Fortschritte zu machen.
Diese Fachkräfte waren wissbegierig und sahen die Chance, sich weiterzuentwickeln. Doch es ging ihnen nicht um den Fortschritt um seiner selbst willen. Sie erkannten sofort, welchen Unterschied ihr neues Wissen für ihre Patientinnen und Patienten machte – und genau das war ihre Motivation
Einige der Studierenden, mit denen wir anfangs gearbeitet haben, hatten nur sehr wenig Bildung. Sie konnten nicht einmal das Alphabet auf Englisch schreiben oder einfache Mathematik und Naturwissenschaften. Human Study hat geholfen, diese Grundlagen aufzubauen, aber wir mussten den Unterricht entsprechend anpassen.
Wir begannen, anders zu arbeiten, suchten mehr visuelle Materialien, untertitelte Videos und Ähnliches. Doch auch die Studierenden halfen mit. Zum Beispiel hatte Luai die besten Englischkenntnisse. Er verstand oft als Erster, was gebraucht wurde, und übersetzte für alle anderen, damit sie es verstanden. Seine Führungsqualitäten kamen richtig zum Vorschein, und er übernahm eine wichtige Rolle. Wir improvisierten ständig. Human Study bot während der gesamten Zeit Englischunterricht an, und wir hatten Mathematikdozenten, die mit einer Klasse arbeiteten, in der einige sehr begabte Mathematiker waren, während andere nicht einmal Grundkenntnisse hatten. Die Studierenden gründeten auch eigene Lerngruppen und halfen sich gegenseitig sehr.
Während ihrer gesamten Ausbildung konnten sie das Gelernte sofort anwenden. Im Vergleich zu ihren ersten Jahren haben sie sich deutlich weiterentwickelt. Das sieht man an ihren Fallpräsentationen. Die Qualität ihrer Arbeit und ihr Umgang mit den Patient*innen hat sich wirklich verändert. Auch akademisch ist die Verbesserung deutlich sichtbar: Es gibt mehr kritisches Denken, komplexere Problemlösungen und ein besseres Verständnis dafür, warum sie tun, was sie tun.
Früher habe ich für eine große private Klinikgruppe in Spanien gearbeitet. Am Ende des Tages ist man in so einem Unternehmen nur eine Nummer. Bei Human Study hat man eine Stimme innerhalb der Organisation, und man sieht wirklich, dass die eigene Arbeit etwas bewirkt! Nicht nur, dass die Studierenden wachsen, sie geben auch etwas an ihre Gemeinschaft zurück, und ihre Patient*innen können ihre Mobilität deutlich verbessern. Das ist sehr erfüllend.
Bei Human Study lernen wir immer dazu. Nehmen wir zum Beispiel die Online-Prüfungen, die wir durchgeführt haben – das war eine steile Lernkurve. Anfangs haben wir versucht, das übliche Prüfungsformat einfach online zu übertragen. Doch bald haben wir gemerkt, dass wir ein anderes Format brauchen. Ich möchte das, was ich in meinem Masterstudium gelernt habe, anwenden und schauen, wie wir Technologie noch effizienter mit unseren Studierenden nutzen können. Wir haben eine tolle Plattform – jetzt möchte ich herausfinden, wie wir sie besser einsetzen können, um unser Lehren und das Lernen der Studierenden zu verbessern.
Ich habe viel von unseren Studierenden gelernt – vor allem, meinen Unterricht anzupassen. Das hat mich zu einer richtig kreativen Lehrkraft gemacht. Das musste ich auch sein. Für mich persönlich gilt: Man sollte sich nicht über Kleinigkeiten aufregen. Krieg rückt vieles ins richtige Licht. Sicher zu bleiben und die Familie ist das Wichtigste. Und ich habe auch ein bisschen Arabisch gelernt!